Vielleicht beginnt Veränderung genau dort.

Eine Übung namens „Ressourcenstuhl“ zeigte, wie schwer es vielen fällt, positive Worte über sich selbst anzunehmen.

Vielleicht beginnt Veränderung genau dort.

Vielleicht beginnt Veränderung genau dort.

Was ich gestern erlebt habe, hat mich tief berührt. Und ehrlich gesagt auch ein wenig traurig gemacht.

Ich bin gerade in meiner Ausbildung, und gestern schlug unsere Lehrgangsleiterin eine Übung vor: den Ressourcenstuhl.

Die Idee dahinter ist eigentlich wunderschön. Eine Person setzt sich auf einen Stuhl in der Mitte des Raumes. Die anderen sagen dieser Person, welche Stärken sie in ihr sehen. Was sie berührt. Was sie an ihr schätzen. Welche Qualitäten sie wahrnehmen.

Also eigentlich ein Moment voller Wertschätzung.
Ein Moment, in dem ein Mensch wirklich gesehen wird.

Die erste Person war mutig. Sie ist einfach aufgestanden und gegangen. Ohne großes Zögern, ohne lange zu überlegen. Sie setzte sich auf den Stuhl und ließ die Worte der anderen auf sich wirken.

Doch mit jeder weiteren Person wurde es zögerlicher.

Als würde der Stuhl in der Mitte des Raumes plötzlich schwerer werden. Als würde der Weg dorthin länger werden.

Die Energie im Raum veränderte sich spürbar.
Sie wurde feiner. Durchlässiger. Fast zerbrechlich. Gefühle lagen plötzlich in der Luft. Man konnte sie förmlich sehen. Menschen warteten, atmeten tiefer, lächelten unsicher. Manche rieben ihre Hände aneinander, andere schauten auf den Boden.

Und dann stand wieder jemand auf.

Dieser Weg zum Stuhl, nur ein paar Schritte durch den Raum, fühlte sich für manche an wie eine kleine Bergtour.

Schritt für Schritt.

Fast so, als würde man einen Gipfel besteigen.

Und wenn man schließlich oben angekommen war, auf diesem einfachen Stuhl mitten im Raum, kam oft zuerst das Gleiche: Ein tiefes Ausatmen. Ein kurzes Überschnaufen. Als hätte man gerade wirklich einen Anstieg hinter sich. Und dann saß man da. Auf dem „Gipfel“. Und wartete. Wartete auf die Worte der anderen. Auf das, was sie in einem sehen.

Währenddessen konnte man zwei Dinge gleichzeitig spüren.

Da war einerseits diese spürbare Erleichterung, wenn es vorbei war. Dieses leise Aufatmen, wenn man wieder vom Stuhl aufstand. Und gleichzeitig lag vor jedem Gang dorthin ein unglaublicher Respekt in der Luft. Fast Ehrfurcht. Und irgendwann kam mir ein Gedanke, der mich seitdem nicht mehr loslässt:

Ist das nicht eigentlich verrückt?

Da sitzen Menschen um uns herum, die bereit sind, uns zu sagen, was sie an uns sehen. Was sie an uns mögen. Welche Stärke sie in uns erkennen. Und trotzdem haben wir Angst davor.

Nicht davor, kritisiert zu werden.
Nicht davor, dass jemand etwas Negatives sagt.

Sondern davor, etwas Schönes über uns zu hören.

Davor, gesehen zu werden.

Das bestätigt etwas, das ich schon lange fühle und immer wieder sage: Unsere größte Angst ist nicht, dass wir scheitern könnten. Unsere größte Angst ist, dass wir wirklich strahlen könnten.

Dass wir erkennen könnten, wie viel in uns steckt.
Wie viel Licht.
Wie viel Kraft.
Wie viel Schönheit.

Und vielleicht macht genau das Angst. Denn wenn wir es einmal wirklich hören…wenn wir es einmal wirklich glauben…dann können wir uns nie wieder so klein machen wie zuvor.

Doch die eigentliche Herausforderung kommt erst danach.

Nicht der Weg zum Stuhl.

Sondern das Annehmen.

Einfach dazusitzen.
Zu hören.
Zu fühlen.

Und nur zu sagen:
Danke.

Ohne sofort zu widersprechen. Ohne ein „Ach, das stimmt doch gar nicht“. Ohne ein „Ja, aber…“.

Einfach nur annehmen.

Wie schwer uns das fällt, hat mich gestern tief bewegt.

Vielleicht, weil wir es nicht gewohnt sind. Vielleicht, weil wir gelernt haben, bescheiden zu sein. Vielleicht, weil wir glauben, wir müssten uns kleiner machen, um dazuzugehören.

Aber was wäre, wenn wir beginnen würden, uns gegenseitig viel öfter zu sagen, was wir im anderen sehen? Wenn wir aussprechen würden, was uns berührt. Welche Stärke wir wahrnehmen. Welches Licht wir im anderen erkennen.

Und was wäre möglich, wenn wir lernen würden, genau das auch anzunehmen?

Bedingungslos.
Ohne es kleinzureden.
Ohne es zurückzugeben.
Einfach nur zu halten.

Denn wie soll uns das Leben große Geschenke machen, wenn wir nicht einmal kleine annehmen können? Wie soll uns das Universum beschenken, wenn wir Komplimente abwehren, als wären sie zu groß für unser Herz?

Vielleicht beginnt Veränderung genau dort.

In einem Raum.
Mit einem Stuhl in der Mitte.
Und mit dem Mut, uns selbst im Spiegel der anderen zu sehen –
nicht kleiner, sondern wahrhaftig.